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Von der Fahrbahn abgegrenzte Fussgängerbereiche sind notwendig für die Sicherheit von Menschen mit Behinderung, Ausnahmen sowie die Wahl der Abgrenzungselemente sind verbindlich geregelt.

Menschen mit Behinderung sind im Verkehrsraum auf Fussgängerbereiche angewiesen, welche von der Fahrbahn erkennbar abgegrenzt sind. Dem Fussverkehr vorbehaltene Flächen ermöglichen es stehen zu bleiben, um sich auszuruhen oder sich mit jemandem zu unterhalten. Eine taktil und visuell eindeutig interpretierbare Abgrenzung zur Fahrbahn erlaubt Menschen mit eingeschränkten Wahrnehmungsfähigkeiten zu erkennen, wo sie den Fahrbereich betreten, um Konflikte zu vermeiden. Ausserdem ermöglicht dies Menschen mit Sehbehinderung am Fahrbahnrand durch hochhalten des weissen Stocks anzuzeigen, dass sie die Fahrbahn queren wollen. 

Die VSS-Norm 640 075 «Hindernisfreier Verkehrsraum» regelt unter welchen Voraussetzung eine Abgrenzung zwingend erforderlich ist und wie diese Abgrenzung beschaffen sein muss (15.1). Auf abgegrenzte Fussgängerbereiche kann nur dort verzichtet werden, wo aufgrund des Verkehrsregimes und der Nutzung der Verkehrsflächen die Sicherheit von Fussgängerinnen und Fussgänger auch ohne abgegrenzte Bereiche sicher gestellt ist. Nach Norm ist daher zur Beurteilung eine Sicherheitsabwägung vorzunehmen. Die Kriterien für die Abgrenzung von Fussgängerbereichen werden nachfolgend dargelegt und kommentiert. Die Kriterien für die Abgrenzung zwischen Fuss- und Veloverkehr sind in der Norm in einer eigenen Ziffer festgehalten (15.2) und werden in einem separaten Beitrag erläutert.

Kriterien für die Abgrenzung von Fussgängerbereichen

In folgenden Situationen müssen nach Norm dem Fussgängerverkehr vorbehaltene Flächen (Trottoirs) immer erstellt und mit Trennelementen visuell erkennbar und ertastbar abgegrenzt werden:

  • bei verkehrsorientierten Strassen
  • bei Schienenverkehr auf verkehrsorientierten und auf siedlungsorientierten Streckenabschnitten

Auf siedlungsorientierten Strassen und Streckenabschnitten sind nach Möglichkeit ebenfalls Fussgängerbereiche vorzusehen und gegenüber dem Fahrverkehr abzugrenzen. Darauf verzichtet werden kann nur dort, wo die ganze Verkehrsfläche von Fussgängern gefahrlos genutzt werden kann. Nach Norm ist daher in folgenden Situationen eine Abgrenzung erforderlich:

  • bei hohen Fahrgeschwindigkeiten und/oder eingeschränkten Sichtverhältnissen
  • bei mittleren und hohen Fahrzeugfrequenzen
  • bei publikumsintensiven Nutzungen der angrenzenden Bauten und Anlagen
  • bei hohem Anteil an Schwerverkehr
  • bei Busangebot mit hoher Taktfrequenz
  • bei mittlerem und hohem Fussgängeraufkommen

Fällt eine siedlungsorientierte Strasse oder ein siedlungsorientierter Streckenabschnitt unter eines dieser Kriterien, sind Verkehrsflächen zu definieren, welche den Fussgängern vorbehalten sind. Beispiele sind im Anhang der Norm (Anh. Ziff. 4) dargestellt.

Art der Abgrenzung

Im zweiten Schritt gilt es, wo abgegrenzte Fussgängerbereiche erforderlich sind, die Art der Abgrenzung festzulegen. Eine eindeutig interprätierbare Abgrenzung wird mit Trennelementen erreicht. Die Norm bestimmt, unter welchen Voraussetzungen an Stelle von Trennelementen auch Führungselemente eingesetzt werden dürfen (15.3). Dies setzt allerdings voraus, dass die Abgrenzung nicht sicherheitsrelevant ist, sondern ausschliesslich der Wegführung für Sehbehinderte und der Lenkung des Fahrverkehrs dient, was in der Regel unter folgenden Bedingungen erfüllt ist:

  • es handelt sich um eine Begegnungs- oder Fussgängerzone (Vortritt für den Fussgängerverkehr) und/oder es ist erkennbar, dass die ganze Verkehrsfläche von Fussgängern genutzt wird
  • die Geschwindigkeit des Fahrverkehrs ist niedrig
  • es besteht kein Busangebot oder eines mit geringer Taktfrequenz
  • es ist wenig Schwerverkehr vorhanden
  • die Fahrzeugfrequenzen sind gering bis mittel

An Übergängen von Verkehrsflächen ohne abgegrenzte Fussgängerbereiche, auf welchen Fussgänger vortrittsberechtigt sind (Begegnungszonen, Fusswege und Fussgängerzonen), ist eine Abgrenzung mit Trennelementen gegenüber Verkehrsflächen mit Vortritt für den Fahrverkehr (Fahrbahn) erforderlich. Dies gilt auch bei Beginn und Ende von gemeinsamen Rad- und Fusswegen (15.3).

Strassen ohne Trottoir

Besteht keine Möglichkeit, Fussgängerbereiche abzugrenzen, müssen geeignete Massnahmen ergriffen werden um eine sichere Nutzung der gemeinsamen Verkehrsfläche für ALLE zu ermöglichen (15.1):

  • Reduktion der Geschwindigkeit (bauliche oder signalisatorische Massnahmen)
  • Wahl eines Verkehrsregimes mit Fussgänger-Vortritt
  • Verbesserung der Sichtweiten
  • taktil erkennbare Wegführung, bei Bedarf ertastbare Orientierungshilfen
  • gestalterische Massnahmen
  • Verkehrsberuhigungsmassnahmen

So kann z.B. auf schmalen Verbindungsstrassen auf eine Abgrenzung verzichtet werden, wenn die Sichtverhältnisse und die Fahrgeschwindigkeiten, die Sicherheit des Fussverkehrs gewährleisten und der Fahrbahnrand als Wegführung genutzt werden kann.

Anwendung der Kriterien – Auslegung

In den Erläuterungen der Norm (Anh. 4) finden sich einige Hinweise auf die Hintergründe und die Auslegung der Kriterien (Verkehrsmenge, Zusammensetzung des Verkehrs, Fahrgeschwindigkeiten) für abgegrenzte Fussgängerbereiche, welche die Anwendung der Norm unterstützen. Zudem sind folgende Punkte zu beachten:

  • Für Sehbehinderte existiert eine Fahrbahn nur, wenn diese mit einem Absatz vom Fussgängerbereich erkennbar abgegrenzt ist. Nur dann können sie, wie das VRV Art. 6 fordert, am Fahrbahnrand durch Hochhalten des weissen Stocks anzeigen, dass sie die Fahrbahn queren wollen. Auf eine Abgrenzung verzichtet werden kann folglich nur, wenn eine Person auch ohne sich umzusehen die Strasse queren kann und dabei nicht Gefahr zu laufen einen Konflikt zu provozieren.
  • Für Menschen mit reduzierten Bewegungs- und Wahrnehmungsfähigkeiten bedeuten Begegnungen mit Fahrzeugen, parallel zu ihrem Weg als auch an Querungen, Stress und teilweise Überforderung.

Wer aufgrund einer Gehbehinderung mehr Zeit benötigt, um eine Strecke zurück zu legen, ist schon bei kurzen Distanzen mit mehr Begegnungen und Konflikten konfrontiert und hält sich beim Queren länger im Konfliktbereich auf.  Studien mit älteren Menschen haben bei Querungen eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 0,8 m/s ermittelt.

Im Forschungsbericht VSS 1308 «Hindernisfreier Verkehrsraum» welcher als Grundlage für Norm SN 640 075 erarbeitet wurde, sind weitere Informationen zur Auslegung der Norm aufgeführt. Das Kapitel «Verkehrstrennung und Verkehrsmischung» ist diesem Beitrag als pdf-Auszug angefügt (Sidebar).