Gemäss der Norm SIA 500 gilt die Induktion bisher als Standard für Höranlagen in öffentlichen Gebäuden. Mit Auracast™, einer neuen Bluetooth-Technologie, eröffnen sich neue Möglichkeiten. Wie verändert sich damit die hindernisfreie Audioübertragung?
Höranlagen sind ein unverzichtbares Hilfsmittel für die Inklusion von Menschen mit Hörbehinderung – insbesondere in öffentlichen Gebäuden wie Kirchen, Kinos, Gerichtssälen oder Veranstaltungsräumen. Bis heute nennt die Norm SIA 500 «Hindernisfreie Bauten» induktive Übertragungssysteme (Ringschleifenanlagen) als bevorzugte Lösung; diese werden bauseitig, in der Regel unter dem Bodenbelag installiert. Alternativ werden FM- oder Infrarot-Systeme verwendet, in Kombination mit mobilen Empfängern und induktiven Halsschleifen.
Die induktive Übertragung war bislang die einzige drahtlose und herstellerunabhängige Technologie zur hörbehindertengerechten Audioübertragung. Hörgeräte, welche mit einer sogenannten Telefonspule ausgestattet sind, können die induktiven Signale direkt empfangen. Diese etablierte Technik hat sich bewährt – ist jedoch aufwendig zu installieren, benötigt spezifisches Fachwissen und ist eine spezifische Einrichtung, die für Personen ohne Hörsystem mit Telefonspule (Hörgeräte oder Cochlea-Implantate) nicht nutzbar sind.
Mit Auracast™, der Broadcast-Funktion des neuen Bluetooth LE Audio-Standards, beginnt sich ein grundlegend anderes Konzept der Audioübertragung durchzusetzen.
Auracast™ ist eine nicht herstellergebundene Broadcast-Technologie. Sie erlaubt, ähnlich wie ein Radiosignal, dass ein Sender Audioinhalte an beliebig viele Empfänger gleichzeitig überträgt – unabhängig davon, ob es sich um Hörsysteme, Kopfhörer oder Lautsprecher handelt. Damit steht Auracast™ sowohl Menschen mit Schwerhörigkeit als auch gut Hörenden offen (Design-for-All). Die Verbindung kann bei Bedarf durch einen PIN-Code geschützt werden.
Die Vorteile von Auracast™ im Überblick:
Verbesserungen gegenüber bisherigen Bluetooth-Formaten:
Herausforderungen:
Auracast™ wird voraussichtlich in zwei bis drei Jahren in den meisten neuen Hörgeräten und Kopfhörern verfügbar sein – mit Ausnahme besonders kleiner Modelle wie CIC-Hörgeräte, die weder Telefonspule noch Bluetooth unterstützen. Bei Cochlea-Implantaten dürfte die Umstellung aufgrund längerer Produktzyklen noch länger dauern – schätzungsweise fünf Jahre oder mehr.
Auch Personen, die in den nächsten zwei bis drei Jahren noch ein Hörgerät mit Telefonspule kaufen, werden dieses in der Regel sechs oder mehr Jahre lang nutzen. Daher wird sich der Übergang von der induktiven Übertragung zu Auracast™ über einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren erstrecken. Während dieser Phase müssen hybride Lösungen bestehen bleiben, um die Nutzbarkeit für alle sicherzustellen. Da keine Verpflichtung zum Nachrüsten von Auracast™ besteht, werden bestehende Höranlagen mit induktiver Technik weiter betrieben und vielerorts nicht zeitnah mit Auracast™ ergänzt. Bei Neubauten, Sanierungen und bei der Erneuerung von Höranlagen wird Auracast™ voraussichtlich bevorzugt eingesetzt.
Seit Anfang 2025 sind erste Auracast™-Sender für fest installierte Höranlagen verfügbar. Die bisherigen Erfahrungen beruhen daher noch auf wenigen Installationen.
Wir befinden uns in einer Übergangsphase, in der es keine eindeutige Antwort gibt. Zwar ist klar, dass Auracast™ mittelfristig die Telefonspule ersetzen wird – doch stellt sich die Frage: Welche Technologie soll heute gewählt werden, um auch morgen noch nutzbar zu sein?
Pro Audito Schweiz empfiehlt dringend, bei allen neuen Höranlagenprojekten Auracast™ mitzudenken – und wo möglich – auch direkt mitzuinstallieren. Der Idealfall ist eine parallele Installation von:
Wo dies baulich oder finanziell nicht realisierbar ist, kann auch nur eine Auracast™-Anlage eingesetzt werden. Voraussetzung ist, dass mobile Empfänger mit induktiven Halsschleifen angeboten werden, um die Zugänglichkeit für Hörsystemträgerinnen zu sichern, die derzeit mehrheitlich noch die Telefonspule besitzen.
Wichtig ist dabei, dass Nutzer:innen diese Empfänger niederschwellig und ohne Hürden zur Verfügung stehen: sie müssen sichtbar, verfügbar und einfach zu bedienen sein.
Wo besondere Anforderungen bestehen – etwa hohe Diskretion – kann auf bewährte Systeme wie IR zurückgegriffen werden. (Auch hier müssen Lösungen für Nutzer ohne Telefonspule berücksichtigt werden, etwa durch zusätzliche Streamer oder Kopfhörer.)
Weitere Informationen und technische Hilfen finden Sie unter: www.pro-audito.ch/auracast. Insbesondere wird hier tabellarisch erklärt, wie die unterschiedlichen Höranlagen-Technologien mit Hörsystemen (Hörgeräten, CIs und anderen Implantaten) und Hearables genutzt werden können, und welches Zubehör notwendig ist.
Aktualisiert am 19. 05.2025
Dank Ihrer Spende können wir unsere Publikationen frei und kostenlos zugänglich machen. Helfen Sie mit, dass es so beibt.
Dank Ihrer Spende können wir unsere Publikationen frei und kostenlos zugänglich machen. Helfen Sie mit, dass es so beibt.
Dank Ihrer Spende können wir unsere Publikationen frei und kostenlos zugänglich machen. Helfen Sie mit, dass es so beibt.