Planung und Einrichtung einer Wohngemeinschaft mit Pflegeleistungen

Die räumliche Konzeption von Wohngemeinschaften mit Pflegeleistungen beeinflusst massgeblich die Wohn- und Lebensqualität, als auch die Funktionalität der Räume.

In einer Wohngemeinschaft mit Pflegeleistungen bietet die bauliche Umgebung im Innen- und Aussenbereich den Bewohnenden sowohl Sicherheit als auch Autonomie. Sie unterstützt ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und ermöglicht gleichzeitig einen Rückzug. Ihre Menschenwürde ist ihnen bewahrt. So können sie ein möglichst selbstbestimmtes und erfülltes Leben führen.

Eine Wohngemeinschaft mit Betreuung eignet sich für Menschen die in der Lage sind selbstbestimmt zu leben. Sie werden je nach aktuellem Bedürfnis und Absprache im Haushalt individuell unterstützt.

Innere Erschliessung

Die Erschliessung umfasst alle zusammenhängenden Wege und räumlichen Sequenzen, die es der Person ermöglichen, am Leben in der Pflege-WG teilzunehmen. Die Gebäudestruktur ist einfach und logisch, so dass die Bewohnenden sich intuitiv orientieren können.

  • Im Bewegungsraum sind ausreichende Durchgangsbreite und Bewegungsfläche vorgesehen. Herausragende Hindernisse und vertikale Höhenunterschiede wie Stufen sind zu vermieden. Selbst eine Schwellenhöhe von 2 cm kann für Personen, die sich mit einem Rollstuhl oder einer Gehhilfe fortbewegen, ein unüberwindbares Hindernis oder eine Stolperfalle darstellen.
  • Der Aufzug muss die erforderlichen Kabinendimensionen sowie die wesentlichen Anforderungen an Bewegungsfläche, Bedienungs- und Ausstattungselemente für Menschen mit Behinderungen gemäss Norm SN EN 81-70 aufweisen.
  • Die Treppe ist an beiden Enden mit ergonomischen und ausreichend langen Handläufen ausgestattet. Die Stufen sind kontrastreich markiert. Diese Anforderungen gelten auch falls ein Aufzug vorhanden ist. Die Treppe bietet die Möglichkeit sowohl, fit zu bleiben und auszuweichen, falls sich bereits eine Person in der Kabine befindet.
  • Aus dem gleichen Grund sind Ausweich- und Kreuzungsmöglichkeiten in den Korridoren zu planen, z. B. mit Nischen, Erker usw. Fenster mit Sitzgelegenheiten mit Rücken- und Armlehnen fördern die zeitliche Orientierung, lassen Tageslicht herein und ermöglichen den Kontakt nach draussen. Der Zugang zu allen angrenzenden Räumen muss für Bewohnende mit Gehhilfe oder im Rollstuhl ohne Schwellen oder Absätze möglich sein.
    Die Ausgestaltung des Korridors als Rundgang ohne Sackgassen erleichtert älteren Menschen mit Demenz die Orientierung und bietet allen die Möglichkeit, sich auch bei schlechtem Wetter zu bewegen.

Türe

Personen mit eingeschränkter Mobilität müssen die Flügel- und Schiebetüren leicht bedienen können. Dafür sind Manövrierflächen und gut umgreifbare Griffe vorgesehen.

  • Alle Flügeltüren sind schwellenlos auszuführen und weisen bei geöffnetem Türflügel eine effektive Durchgangsbreite von min. 0,90 m, min. 0,80 m bei Sanitär-und Nebenräumen. Ein seitlicher Abstand von 0.60 m neben dem Türgriff auf der Seite des Schwenkbereichs ist bei allen Türen einzuhalten, gemessen ab Türblattkante. So kann eine Person mit Rollstuhl oder Rollator die Türe öffnen, ohne rückwärts manövrieren zu müssen.
  • Schiebetüren benötigen freie Flächen von 0,50 m Breite auf jeder Seite der Öffnung, sowohl innerhalb als auch ausserhalb des Raumes. Eine Person mit Gehhilfe kann die Tür somit sowohl im geöffneten als auch im geschlossenen Zustand bedienen.

Bodenbeläge

Die Bodenbeläge sind mit Gehhilfen gut befahrbar, verursachen keine Stolperfallen und sind sowohl im trockenen als auch im feuchten Zustand rutschfest.

Genaue Informationen zu Bodenbelägen sind im Beitrag «Bodenbeläge in Gebäuden mit erhöhten Anforderungen» ausführlich beschrieben.

Innenwände und Decken

Eine geeignete Materialisierung der Oberflächen (Wände und Decke) verringert die Verletzungsgefahr, verbessert die Raumakustik und unterstützt die Lichtreflexion.

  • Verletzungen sind bei glatten Oberflächen und sanften Kanten ausgeschlossen. Zu scharfe Kanten sollten mit einem abgerundeten Profil versehen werden.
  • Diffusoren und/oder schalllenkende Systeme, wie beispielsweise schallabsorbierende Platten und Putze, Akustikdecken oder von der Decke abgehängte Schallabsorber, können gezielt an Wänden und Decken eingesetzt werden.
  • Die Raumakustik kann durch den gezielten Einsatz von diffusions- und/oder schallabsorbierenden Materialien wie Paneelen, Putzen, Akustikdecken und an der Decke hängenden Schallabsorbern, optimiert werden.
  • Matte Oberflächen verursachen keine Blendung, während helle Oberflächen eine gleichmäßige Lichtverteilung im Raum unterstützen.

Tageslicht

Tageslicht fördert die Ausschüttung von Serotonin und kann Depressionen reduzieren. Bei Einbruch der Dunkelheit nimmt es auf natürliche Weise, was den Schlaf-Wach-Rhythmus unterstützt. Für Menschen, die sich fast den ganzen Tag in ihrer Wohnung aufhalten, ist eine ausreichende Tageslichtversorgung daher von besonderer Bedeutung. Der Lichtbedarf steigt mit zunehmendem Alter. Um diesen Bedarf zu decken, stehen den Architekten vielfältige Bauelementen wie z. B. französische Fenster, Erker oder Wintergärten zur Verfügung.

Bei grossen Glasflächen sollte jedoch besonders auf Verdunkelungsmöglichkeiten (Jalousien, Fensterläden usw.) geachtet werden, um Blendungen zu vermeiden und die Privatsphäre des Bewohnenden zu gewährleisten. Für Sonnen- und Sichtschutz wird zusätzlich die Planung von Vorhangschienen empfohlen, insbesondere in den Bewohnerzimmern, da Vorhänge eine persönliche Note verleihen können. In Gemeinschaftsräumen können sie auch als Raumteiler oder zur Verbesserung der Akustik eingesetzt werden.

Beleuchtung, Schalter und Steckdosen

Bei der Planung aller Bedienelemente müssen die Bedürfnisse der Bewohner in Bezug auf Ergonomie und Bedienbarkeit berücksichtigt werden. Die Gemeinschaftsräume sollten möglichst frei gestaltbar sein und über eine ausreichende Anzahl von Lichtschaltern und Steckdosen verfügen. Dies gilt auch für den Pflegebad und die Bewohnerzimmer.

Die Beleuchtung kann nach Grundbeleuchtung, Arbeitslicht und Leselicht unterschieden werden.

  • Die Grundbeleuchtung ist dimmbar und mit einem hohen Anteil an indirektem Licht zu planen. Die Lichtstärke beträgt min. 300 Lux (empfohlen: 500 Lux) auf Boden.
  • Die Beleuchtungsstärke von Lese- und Arbeitsleuchten betragen min. 750 Lux. Sie sind dimmbar und gibt eine guter Farbwiedergabe.
  • Die Schalter sind auf einer Höhe zwischen 0,80 – 1,10 m, kontrastreich zur Wand und Schalterstellung ertastbar geplant. Die Schaltertaster haben eine Grösse von min. 40 mm x 40 mm. Sie sind funktionsgerecht verteilt, damit Schalter und Schaltobjekte leicht zuzuordnen sind.
  • Geplant sind pro Raum eine Steckdose auf Schalterhöhe, mind. je eine Dreifachsteckdose auf zwei gegenüberliegenden Raumseiten (Höhe mind. 0,40 m) sowie eine Mediensteckdose (Fernsehsignal, Internet u.a.).
  • Für eine gleichmässige Lichtverteilung ist die Decke hell gestrichen, vorzugsweise weiss.

Orientierung

Visuelle Kontraste unterstützen eine autonome und sichere Orientierung. Sie ermöglichen es, die einzelnen Etagen farblich voneinander zu unterscheiden, indem sie die Raumstimmung und das Temperaturempfinden beeinflussen. Helligkeits- und Farbkontraste zwischen baulichen Elementen fördern auch die manchmal eingeschränkte Raumwahrnehmung älterer Menschen oder Menschen mit psychischer Beeinträchtigung – beispielsweise durch die Hervorhebung von Türen gegenüber Wänden. Gleichzeitig erleichtern sie das Erkennen von Hindernissen, Treppen, Handläufen usw.

  • Als Orientierungshilfe können Bodenmarkierungen den Zutritt zu gewissen zugänglichen Räumen, wie z. B. den Bewohnerzimmern, hervorheben. So werden die Türen zum Büro des Pflegepersonals oder zur Apotheke nicht wahrgenommen und daher von den Bewohnenden ignoriert.
  • Visuelle Störungen sind zu vermeiden, da sie Stress oder Angst auslösen können. Blau oder Schwarz auf dem Boden können z. B. als Wasser oder Abgrund in gewissen Situationen wahrgenommen werden.
  • Materialien mit starken Mustern (Teppichböden, Terrazzi, Tapeten, Akustikelemente usw.) sollten vermieden werden, da diese zu falschen visuellen Wahrnehmungen führen können.
  • Durch Spiegel, Fensterflächen oder Lichtbänder können Reflexionen und Spiegelungen am Boden entstehen, die irritieren oder Scheinbilder erzeugen können.
  • Spiegel, Fensterflächen oder Lichtbänder erzeugen Reflexionen und Spiegelungen auf dem Boden, die irritierend wirken oder Scheinbilder erzeugen können.
  • Markante Schlagschatten können die Wahrnehmung der Raumkanten beeinträchtigen.
  • Matte Oberflächen und Leuchtquellen mit einem hohen Anteil an indirektem Licht ermöglichen es, diese Situationen zu umgehen.

Mehr-Sinne-Prinzip

Alle Informationen müssen für mindestens zwei der drei Sinne zugänglich oder abrufbar sein: Sehen, Hören und Fühlen. Dadurch können Menschen mit Sinnesbehinderungen über einen intakten alternativen Sinn auf Informationen zugreifen. Wichtige visuelle Informationen, die für die Orientierung und Sicherheit relevant sind, müssen auch taktil vermittelt werden.

Aussenbereiche

Die Anforderungen an Aussenanlagen sind in dem Beitrag « Aussenbereiche von Wohngemeinschaften mit Pflegeleistungen» beschrieben.

 

Besondere Anforderungen bei Demenz in einer Wohngemeinschaft mit Pflegeleistungen

Intuitive Orientierung

Ältere Menschen, insbesondere Menschen mit Demenz, leiden unter Orientierungslosigkeit. Dies führt zu immer mehr Unsicherheiten in ihrem Lebensumfeld. Die Architektur muss es ihnen daher ermöglichen, sich intuitiv zu orientieren. Sackgassen im Innen- und Außenbereich müssen unbedingt vermieden werden.

Angebote für körperliche Aktivitäten

Das Bedürfnis zu gehen, das bei Demenz häufig auftritt, kann mit Hilfe von Wegen, die Rundwege bilden, kanalisiert werden. Die Möglichkeit sich zu bewegen kann ihre Unruhe lindern.

Intelligentes Schliesssystem

Ein individuelles Schliesssystem ermöglicht die Privatsphäre und die Intimsphäre der Bewohnenden zu schützen. Bei Orientierungsverlust kann es auch eingesetzt werden, um zu verhindern, dass die Person die Wohnung eigenständig verlässt und sich selbst in Gefahr bringt. Dies muss jedoch von der Personalleitung genehmigt werden.

Techniken der Beleuchtung

Die richtige Beleuchtung kann einen grossen Einfluss auf den Schlaf, die Stimmung und das allgemeine Wohlbefinden der Bewohnenden haben. Die Qualität des künstlichen Lichts spielt dabei eine grosse Rolle.

Circadiane Kontrolle des Lichts

Durch intelligente Steuerung unterstützt ein effizientes zirkadianes Beleuchtungssystem den natürlichen biologischen Tag-Nacht-Rhythmus, indem es die Intensität und Farbe der Raumbeleuchtung je nach Tages- und Jahreszeit variiert. Blaue Wellenlängen können z. B. die Melatoninausschüttung stören, was dann wiederum die Schlafgewohnheiten beeinträchtigen kann. Die biologischen und hormonellen Funktionen des Körpers werden durch diesen Rhythmus angeregt.

Lichttherapie

Einen eigenen Raum für die Lichttherapie vorzusehen, kann an dunklen Wintertagen z. B. die Symptome einer Demenz oder einer Depression verringern oder eindämmen. Eine Lichtdusche mit mehr als 10.000 Lux ist dann angebracht.

 

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