Pflege-WG
Eine Wohngemeinschaft mit Pflegeleistungen bietet individuellen Wohnraum und grösstmögliche Autonomie kombiniert mit institutioneller Unterstützung im Alltag.

Räumlich und konzeptuell orientiert sich diese Wohnform an der vertrauten Häuslichkeit. Der hohe Grad an Autonomie ermöglicht ein selbstbestimmtes Wohnen. Gleichzeitig ist die Wohnung an die räumlichen Bedürfnisse der Gemeinschaft und der Pflegedienstleistung ausgerichtet.

Generell sind Wohngemeinschaften von 8 – 12 Personen anzustreben. Dadurch kann zum einen ein Gruppengefühl, zum anderen eine gute Wirtschaftlichkeit erzielt werden.

Folgende Grundsätze dienen als Orientierung für die Planung und Konzeption einer Wohngemeinschaft mit Pflegeleistungen.

1. Lage und Einbindung im Umfeld

Die Integration der WG mit Pflegeleistungen in einen zentralen Ort der Gemeinde fördert die Aktivierung der Bewohner*innen durch spontane Besuche.

Kurze Wege zur Nahversorgung (Supermarkt, Arzt, Apotheke, Post, Bank, etc.) begünstigen zudem die Beibehaltung der Selbstständigkeit.

Häufig eignet sich die Integration der WG mit Pflegeleistungen mit anderen Programmen wie Tagespflegen, Wohnbebauungen, Kindergärten und Gesundheitseinrichtungen.

2. Raumprogramm

Das hier dargestellte Raumprogramm, eignet sich für eine Wohngemeinschaft mit Pflegeleistungen für ältere Personen.

Soll eine Wohnung für andere Nutzergruppen, z.B. jüngere Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen, Studierende, Berufstätige, Familien erstellt werden oder eine Übungswohnung für die Wiedereingliederung nach einem Umfall, muss das Raumprogramm an die spezifischen Bedürfnisse angepasst werden.

Beispielsweise bei einer WG für Jugendliche, sollen die Aufenthaltsräume im Innen- und Außenbereich für unterschiedliche Aktivitäten ausgelegt sein. Besonders für Sport- und Freizeitaktivitäten (Tischtennis, Fitness, Musik, etc.) sind genügend Freiräume einzuplanen. Hingegen können je nach Nutzergruppe andere Räume wegfallen oder nachrangig betrachtet werden.

Gemeinschaftsräume

In einer Wohngemeinschaft sollen gemeinschaftlich genutzte Räume ein hohes Maß an wohnlicher, häuslich vertrauter und atmosphärischer Qualität bieten, die über einen rein funktionalen Zweck hinaus gehen. Einzelne Rückzugsorte und Nischen die Privatsphäre oder einen ruhigen Ort zum Lesen bieten, sind auch in Gemeinschaftsräumen notwendig. Schaltbare Räume, die eine flexible Raumkonfiguration zulassen sind besonders bei Feiern oder Gruppenveranstaltungen nützlich.

Das Foyer ist ein Ort des Ankommens. Eine Garderobe, Sitzgelegenheiten und Ablageflächen werden benötigt. Umsetz- und Rangierflächen sind erforderlich.

Ein Abstellraum für die Hilfsmittel soll angrenzend zum Foyer angeordnet sein und dient zum Abstellen der Rollatoren, Rollstühle und Hilfsmittel für den Aussenraum.

Der Korridor ist eine wichtige Zirkulationszone in der Wohngemeinschaft. Die Raumgeometrie muss so angelegt sein, dass alle angrenzenden Räume auch mit einem Rollator oder Rollstuhl problemlos erreicht werden können. Da die Bewohner meist Orientierungsschwierigkeiten haben, ist ein Rundgang ohne Sackgassen sehr zu empfehlen. Ausreichende Sitzgelegenheiten bieten Platz zum Verweilen und Erholen.

Die Küche ist als zentrales Element Aufenthalts- und Begegnungsort. Sie soll als offene Gemeinschaftsküche konzipiert sein. Das Kochen stimuliert die Geschmacks- und Geruchsnerven und fördert das Hungergefühl der Bewohner. Ihre Bedeutung ist insbesondere für ältere Menschen gross, da sie der Aufrechterhaltung von Alltagsroutinen dient.

Das Esszimmer oder der Essplatz soll in unmittelbarer Nähe zur Küche angeordnet sein und als erweiterter Aufenthaltsort zum Wohnzimmer stehen. Dies fördert die aktive und passive Teilnahme am WG-Alltag.

Das Wohnzimmer soll ein abtrennbarer Raum mit Bezug zum Koch- und Essbereich sein. Wichtig dabei ist die akustische Abschirmung, da die Reizempfindlichkeit der Bewohner meist erhöht ist. Sichtkontakte zur Natur sind gewünscht. Zudem sollte ein Bereich des Wohnzimmers für ein Pflege-Bett abgetrennt werden können, um bettlägerigen Personen die Teilhabe am Geschehen in der Wohngemeinschaft zu ermöglichen.

Ein Besucher-WC das auch für Besuchende mit Rollstuhl nutzbar ist soll den Gemeinschaftsräumen zugeordnet sein. Es darf auch als Personal-WC dienen.

Ein Pflegebad mit Vorraum und Wellnesscharakter fördert das Wohlbefinden der Bewohner und steigert die Wohnqualität. Es bietet optimale räumliche Voraussetzungen für Pflegeleistungen.

Individualräume

Das Bewohnerzimmer ist der wichtigste Individualraum und ist der persönlichste Raum. Er soll eine möglichst Individuelle Einrichtung ermöglichen.

Ein individueller Sanitärraum im Zimmer bietet Prifatsphäre. Jeder Bewohner soll sein eigenes Bad im Bewohnerzimmer haben. Die Dimensionen orientieren sich nach den Bädern für die Bauten mit erhöhten Anforderungen.

Der private Stauraum dient für die Winter- und Sommergarderobe, sowie für die zusätzlichen Hilfsmittel (zweiter Rollstuhl).

Aussenräume

Terrasse und Balkon bieten einen guten Kommunikationsraum für eine spontane Begegnung und die gesellschaftliche Teilhabe. Bewohner*innen können ohne fremde Hilfe und grössere Anstrengung Sonne und frische Luft geniessen, das öffentliche Leben beobachten oder sich um die Pflanzen kümmern.

Ein Garten und die Gartentätigkeit fördern die Eigeninitiative und das körperliche Training an einer sinnstiftenden Tätigkeit. Dies ermöglicht eine wichtige Autonomieerfahrungen für die Bewohner*innen.

Ein Sinnespfad, in Verbindung mit einem Garten, unterstützt die Aktivierung der Sinne, was z.B. den Alterungsprozess verlangsamt.

Gemeinschaftliche Nebenräume

Waschküche und Trockenraum benutzen die Bewohner*innen selbständig. Die Waschküche soll ausreichend Dimensioniert sein, damit genügend Bewegungsfläche und Staufläche für Wäsche und Waschmittel zur Verfügung stehen.

Stauraum und Reduits mit viel Staufläche für Frischwäsche, Handtücher, Hilfs- und Reinigungmittel sind für den Betrieb notwendig.

Personalräume

Bei institutionell betriebenen Wohngemeinschaften werden zusätzlich folgende Räumlichkeiten benötigt:

  • Büro- und Arbeitsraum
  • Beratungsraum
  • Personal-WC, darf mit dem Besucher-WC kombiniert werden

Schematische Darstellung der Räume und ihrer räumlichen Zusammenhänge:

3. Konzeption und Raumgestaltung

Hindernisfreie, stufenlose Erschliessung

  • Physische Barrieren, sowie visuelle und akustische Hindernisse im Bewegungsraum sind zu vermeiden.
  • Alle Bereiche müssen Bewegungsflächen und Durchfahrbreiten aufweisen, die für die Nutzung mit Hilfsmitteln geeignet sind. Die Manövrierflächen zur Bedienung der Zimmertüren und von gemeinschaftlichen Sanitärräumen sind in einer Wohngemeinschaft zwingend einzuhalten, damit die Privatsphäre sichergestellt ist.
  • Alle Bereiche müssen schwellenlos zugänglich sein. Auch eine Schwellenhöhe von 2 cm kann für Menschen mit einem Rollstuhl oder Rollator zum unüberwindbaren Hindernis werden, oder eine Stolperfalle sein.

Kontrastreiche Oberflächen

  • Unterschiedliche Boden- und Wandoberflächen fördern die Raumwahrnehmung, die z.B im Alter reduziert sein kann.
  • Stark gemusterte Materialien (Teppich, Tapete, Terrazzo, Akustikelemente) sind zu vermeiden.
  • Hohe Kontraste heben zum Beispiel Türen hervor und erleichtern das Erkennen von Schwellen, Treppen, Handläufen, etc.
  • Unterscheidbare Oberflächen sollen als führende Elemente eingesetzt werden. Beispielsweise können die Räume, welche von Bewohnern nicht betreten werden sollen (Dienstzimmer) einen anderen Bodenbelag haben.

Großflächige Verglasung – Tageslichteinfall

  • Tageslicht fördert die Serotoninausschüttung und mindert Depressionen.
  • Der natürliche Lichtwechsel bei Dämmerung unterstützt den Schlaf-/Nacht-Rhythmus. Für Personen, die sich fast den ganzen Tag in ihrem Wohnumfeld aufhalten, hat der Tageslichteinfall daher eine besondere Bedeutung.
  • Mit zunehmendem Alter benötigt man mehr Tageslicht.
  • Mehrere Bauteile eignen sich gut um Tageslicht in das Gebäude zu lassen: französische Fenster, Erker, Wintergarten.
  • Besondere Beachtung muss jedoch die Beschattung (Blenden, Storen, usw.) finden, um Blendung zu vermeiden, sowie die Privatsphäre im Bewohnerzimmer.

Vermeidung visueller Störungen

  • starke und grossflächige Schattenwürfe: Raumkanten werden bei starken Schattenwürfen nicht wahrgenommen. Besonders bei Fussböden entsteht der Eindruck eines Abgrundes.
  • Spiegelnde Oberflächen: Irritationen durch Spiegelungen lösen Stress aus. Potenzielle Auslöser sind Spiegel, Fensteroberflächen oder Lichtband-Reflexionen auf dem Boden, die als Schwelle wahrgenommen werden.

Farbkonzept

  • Farben dienen der Orientierung und Wegeführung der Bewohner*innen. Sie können eingesetzt werden, um Stockwerke voneinander zu unterscheiden.
  • Mit Farben lassen sich zudem Stimmung und Temperaturempfinden beeinflussen.

Zwei-Sinne-Prinzip

  • Bedienungselemente und Informationen müssen über mindestens zwei der drei Sinne Sehen, Hören und Ertasten zugänglich bzw. abrufbar sein. Dies ermöglicht Menschen mit einer Sinnesbehinderung die Information über einen alternativen, intakten Sinn aufzunehmen.

4. Spezifische Anforderungen bei Demenz

Intuitive Orientierung

Ältere Menschen, im Speziellen Personen mit Demenz, leiden an Orientierungsverlust. Dies führt vermehrt zu Unsicherheiten im wohnlichen Umfeld. Die Architektur sollte daher Orientierung bieten und den Bewohner*innen intuitiv führen. Sackgassen sind im Innen- und Aussenbereich zu vermeiden.

Bewegungsangebote

Der häufig mit Demenz eintretende Wanderdrang kann durch Rundläufe entgegengewirkt werden. Unruhigen Bewohner*innen wird dadurch die Möglichkeit gegeben sich zu bewegen.

Intelligentes Schließsystem

Es schützt die Privat- und Intimsphäre der Bewohner*innen. Es kann bei Orientierungsverlust vor Selbstgefährdung bei selbstständigem Verlassen der Wohnung schützen (amtsrichterlich genehmigt). Ein Schließsystem kann individuell auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen angepasst werden.

5. Lichttechnik

Circadiane Lichtsteuerung

Biologisch wirksame Lichtsysteme unterstützen einen natürlichen Tag-/Nachtrythmus durch unterschiedliche Stärke und Farbgebung der Raumbeleuchtung. Die biologischen und hormonellen Körperfunktionen werden durch den Rhythmus gefördert.

Lichtdusche

Eine Lichtdusche ist bei Menschen mit beginnender Demenz und generell bei einer Depressionssymptomatik aufgrund der über 10 000 Lux sehr wirkungsvoll, wenn gerade an dunklen Wintertagen Aktivierungsangebote darunter stattfinden.

      Bauten mit erhöhten Anforderungen: Pflegewohngruppen.