Zurück
Welche Anforderungen sind zu beachten wenn Innenräume für Menschen mit Seheinschränkungen konzipiert werden?

Licht beeinflusst das Wohlbefinden. Wer aufgrund des Alters oder einer Sehbehinderung nicht optimal sieht, reagiert besonders empfindsam auf ungeeignete Beleuchtungssituationen. Für Alters-, Wohn und Pflegeeinrichtung gelten daher höhere Anforderungen an die Qualität der Beleuchtung als für übrige Bauten. Dies gilt insbesondere dort, wo sich die Bewohnenden Tag und Nacht aufhalten.

Aufgrund der natürlichen Alterung des Auges, oder auch aufgrund einer Seheinschränkung, benötigen Menschen im hohen Alter oder mit einer Sehbehinderung oft mehr Licht. Gleichzeitig verändern sich oft auch Farbwahrnehmung und Kontrastempfindlichkeit. Nicht zuletzt sind die Personen häufig von einer erhöhten Blendempfindlichkeit betroffen. Dies begründet die erhöhten Anforderungen, welche bei der Beleuchtungsplanung in Alters-, Wohn-, und Pflegeeinrichtungen zu beachten sind.

Beleuchtungsstärken

Die Anforderungen an die Beleuchtungsstärken sind in der Richtlinien SLG 104 «Alters- und sehbehindertengerechte Beleuchtung in Innenräumen» aufgeführt. Die Tabelle mit den Beleuchtungsstärken für unterschiedliche Sehaufgaben führt weitere wesentliche Hinweise für die Planung auf.

Raum oder Tätigkeit Beleuchtungsstärke, Wartungswert
[lx] Bemerkungen
Adaptationszone
(aussen, innen)
während des Tages
750 Beleuchtungsstärke auf dem Boden
Die Beleuchtung muss Übergangszonen im Empfangsbereich schaffen. Für eine gute Adaptation sollte der Bodenbelag hell beschaffen sein.
Flure
während des Tages
während der Nacht
300
150
Vertikale Beleuchtungsstärke im Bereich der Türen, Bedien- und Beschriftungselemente am Tag ≥ 200 lx, in der Nacht ≥ 100 lx
Treppen 300 Hoher Indirektanteil und ausreichender Direktlichtanteil (Modelling)
Wohnräume
Wohnen, Arbeiten, Schlafen
300 Horizontale Beleuchtungsstärke auf Arbeitsflächen ≥ 750 lx Vertikale Beleuchtungsstärke auf/in Schrankfronten ≥ 200 lx
Sanitärbereich 500 Hoher Indirektanteil, Blendung durch hohe Leuchtdichten (z.B. durch Spiegelleuchten) vermeiden
Gemeinschaftsbereiche
Aufenthalt, TV
300 Hoher Indirektanteil
Gemeinschaftsbereiche
Arbeiten, Lesen
750 Beleuchtungsstärke auf der Arbeits-/Lesefläche

Zu beachten ist, dass Räume in Alters-, Wohn- und Pflegeeinrichtungen in der Regel mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllen. Flure beispielsweise oder zumindest Teile davon sind immer auch Aufenthalts- und Begegnungsräume. In Bewohnerzimmern finden vielfältige Aktivitäten wie Wohnen, Arbeiten, Lesen, Fernsehen, Schlafen und auch Pflege statt. Bei der Beleuchtungsplanung sind daher verschiedene Szenarien zu betrachten und variable Lösungen vorzusehen.

Blendung

Menschen mit erhöhtem Lichtbedarfs sind sehr oft auch von erhöhter Blendempfindlichkeit betroffen. Dies trifft sehr häufig auf ältere Menschen zu, da Trübungen oder Verschmutzungen im Glaskörper Lichtstreuung verursachen welche die Blendempfindlichkeit erhöhen und die Kontrastwahrnehmung reduzieren. Blendungsbegrenzung hat daher eine extrem hohe Bedeutung bei der Planung von Licht für Alters-, Wohn- und Pflegeeinrichtungen.

Relativblendung

Die häufigste Ursache von Blendung in Innenräumen ist Relativblendung. Zu grosse Helligkeitsunterschiede im Blickfeld führen dazu, dass das Auge an die helleren Bereiche adaptiert und Details in dunklen Bereichen aufgrund der Blendung nicht erkannt werden. Dies ist z.B. der Fall, wenn eine Leuchte eine hohe Leuchtdichte aufweist und im Blickfeld liegt oder sich auf stark reflektierenden Flächen spiegelt. Leuchtmittel sind daher zwingend abzuschirmen und grossflächige Diffusoren mit geringen Leuchtdichten zu verwenden.

Auch beim Blick ins Freie führt die im Vergleich um Umfeld sehr hohe Leuchtdichte des Himmels (unbewölkt ca. 3 000 cd/m2, bedeckt > 10 000 cd/m2) häufig zu Relativblendung. Storen und Jalousien die soweit heruntergelassen werden, dass sie den Blick auf den Himmel abschirmen, jenen auf die Umgebung hingegen zulassen, sind für die Blendungsbegrenzung besser geeignet als Vorhänge.

Adaptationsblendung

Adaptationsblendung entsteht, wenn sich die Helligkeit zu stark ändert. Dies ist im Alltag beispielsweise von Bedeutung wenn ein Bewohner von draussen in einen dunklen Eingangsbereich oder aus dem hell erleuchteten Flur ins dunkle Zimmer tritt. 

Adaptationsblendung kann mit einer geeigneten Ausleuchtung der Übergangszonen (Tages- und Kunstlicht) reduziert werden (Beleuchtungsstärken siehe Tabelle). Werden Eingangsbereiche mit Sitzmöglichkeiten als Aufenthaltsbereich konzipiert, kann diese Zeit für gesellschaftliche Kontakte genutzt werden. 

Blendungsbewertung – UGR Werte

Der Grad der psychologischen Blendung, d.h. der Störung durch im Raum angeordnete Leuchten wird in Innenräumen nach dem UGR Verfahren bewertet. Dazu wird mit einem Tabellenverfahren das Verhältnis zwischen der mittleren Leuchtdichte an der Leuchtenoberfläche und der Hintergrundleuchtdichte, unter Einbezug der Grösse der Leuchte und ihrer Position in Bezug auf die Blickrichtung des Betrachters beurteilt. Die UGR-Werteskala wurde mittels empirischer Untersuchungen mit jungen Menschen festgelegt. 

Die Studie von Hauck (Hauck N., Barrierefreie Beleuchtungslösungen für sehbehinderte Menschen in Innenräumen sowie Entwicklung einer Kontrastbestimmungsmethode, Dissertation 2018 ) belegt, dass Blendungen die nach der UGR-Skala als leichte Störung bewertet werden, für ältere Menschen und Menschen mit Sehbehinderung eine deutliche Reduktion der Kontrastwahrnehmung und damit physiologische Blendung bewirken können. 

Hauck kommt denn auch zum Schluss dass die Bewertungsskala für Menschen mit Sehbehinderung angepasst werden muss und UGR-Werte generell um zwei Stufen reduziert werden sollen. UGR Werte von mehr als 22 sind grundsätzlich, auch in Korridoren und auf Treppen zu vermeiden. An Arbeitsplätzen von Personen mit sehr hoher Blendempfindlichkeit soll der Höchstwert bei einem UGR 10 liegen. 

UGR-Wert für normalsehende
Personen / EN 12 464-1
UGR-Wert für sehbehinderte
Personen
16 10
19 13
22 16
25 19
28 22

Oberflächengestaltung und visuelle Kontraste

Licht ist nur sichtbar wenn es direkt auf unser Auge trifft oder wenn es von einer Oberfläche reflektiert wird. Um einen Raum optimal auszuleuchten, ist deshalb die Qualität der Oberflächen des Raumes von grosser Bedeutung. Idealerweise reflektieren die Raumoberflächen möglichst viel des auf sie treffenden Lichts, jedoch mit einer diffusen Reflexion um Blendung durch Spiegelungen zu vermeiden. Bei indirekter Beleuchtung bedeutet dies: «Es spielt keine Rolle. welche Farbe die Decke hat, solange sie weiss ist.» (Zitat Fritz Buser, Low Vision Fachmann und Lichtdesigner).

Damit bauliche Elemente, Objekte, Markierungen oder Informationen jedoch erkennbar sind, müssen sie einen visuellen Kontrast zu ihrem Hintergrund aufweisen. Auch für die Anforderungen an Helligkeitskontraste gilt, dass diese für Personen mit reduziertem Sehvermögen eher höher sein sollen als die Minimalwerte der Normen es vorgeben.

Insbesondere Treppenmarkierungen, Handläufe und Signaletik sollen mit Michelson-Kontrasten ≥ 0.6 ausgeführt werden. Hinweise zur Ausführung guter visueller Kontraste vermitteln die Richtlinien «Planung und Bestimmung visuelle Kontraste»

 Zu Vermeiden sind in jedem Fall Oberflächen mit stark kontrastierenden Mustern, welche die Wahrnehmung wesentlicher baulicher Elemente, wie beispielsweise Stufen, verunmöglichen und zu Schwindel führen können. 

Bauten mit Wohnungen: Altersgerechte Wohnungen. Bauten mit erhöhten Anforderungen: Alters- / Pflegezentren und Pflegewohngruppen. Beleuchtung --- Kontrast: Beleuchtung.