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Erschliessung mit Aufzug in Wohnüberbauung
Zur Integration und Gleichstellung mobilitätseingeschränkter Menschen ist das Vorhandensein eines Aufzugs von entscheidender Bedeutung.

Das Element «Aufzug» erschliesst allen Mobilitätsbehinderten die Welt der Ober- und Untergeschosse und ist daher für ein behindertengerechtes Bauen von viel grösserer Wichtigkeit als andere Anforderungen. Neben Rollstuhlfahrern und Gehbehinderten profitieren auch Eltern mit Kinderwägen, ältere Menschen, Bewohner mit Einkaufstaschen, Umzügler usw. von der Existenz eines Aufzugs.

Die Frage, ob aufgrund der gesetzlichen Grundlagen ein Aufzug erforderlich ist, muss auf der Basis des BehiG und der kantonalen Baugesetze geklärt werden. Wird ein Aufzug eingebaut, ist es in jedem Fall sinnvoll, diesen so zu konzipieren, dass er für Alle zugänglich und benutzbar ist.

Die Norm SIA 500 «Hindernisfreie Bauten» regelt in Ziff. 9.5 wie ein hindernisfreier Aufzug im Wohnungsbau dimensioniert sein muss und welche Manövrierflächen vor der Schachttüre zu beachten sind. Um eine umfassende Hindernisfreiheit zu erlangen, empfiehlt die Norm (Ziff. 9.1.5) die Anforderungen an öffentlich zugängliche Bauten auch im Wohnungsbau zu erfüllen, beim Aufzug insbesondere an Bedienelemente, Tastaturen und akustische Stockwerkansagen (Ziff. 3.7; siehe Beitrag «Aufzüge bei öffentlich zugänglichen Bauten»).

Anpassbarer Wohnungsbau

Der anpassbare Wohnungsbau benötigt keine aufwendige, umfassende behindertengerechte Ausführung, sondern muss mit einfachen baulichen Massnahmen im Bedarfsfall an individuelle Bedürfnisse angepasst werden können und dafür gewisse Grundanforderungen berücksichtigen. Dies gilt z.B. für die Erreichbarkeit aller Voll-Geschosse:

  • Die Erschliessung aller Geschosse mit Aufzug ist eine Grundvoraussetzung für die zukünftige Anpassung der Wohnungen.
  • Wenn ein Aufzug mehr als 6 Wohneinheiten erschliesst, können die Anlagekosten beim Neubau als verhältnismässig angesehen werden. Der Aufwand pro Wohnung bildet hier keine gewichtigen Mehrkosten und wird durch die erleichterte Nutzung aller Wohnungen und Nebenräume in allen Lebenslagen aufgewogen.
  • Sollte lediglich ein Voll-Geschoss stufenlos zugänglich sein und die Erschliessung der übrigen Geschosse nur über Treppen erfolgen, muss im Sinne der Anpassbarkeit die Voraussetzung erfüllt sein, dass bei Bedarf der nachträgliche Einbau eines Aufzugs, einer Hebebühne (Förderplattform: min. 1.10 x 1.40 m (B x L), Ziff. 9.5.2) oder eines Treppenlifts (Förderplattform min. 0.80 x 1.25 m (B x L), Ziff. 9.1.3) zur Erschliessung aller Geschosse möglich ist (Ziff. 9.1.3).

Hinweis
Die generelle Treppenlaufbreite von 1.20 m im Erschliessungsbereich des Wohnbaus ist auch durch eine nachträgliche Montage des Treppenlifts nicht einzuschränken. Wird ein Wohnbau mit der Idee geplant, ihn nachträglich durch Treppenlifte anzupassen, wäre es sinnvoll, die Treppenbreite bereits im Vorfeld entsprechend zu dimensionieren.

Minimale Kabinengrössen

Die Mindestmasse von Aufzugskabinen sind in Ziff. 9.5.2 erläutert.

  • In neuen Wohnbauten: min. 1.10 x 1.40 m (B x L)
  • In bestehenden Bauten bedingt zulässig: min. 1.00 x 1.25 m (B x L)
    Die Standardkabine nach ISO und EN 81-70 misst 1.00 x 1.30 m (B x L), dies entspricht auch den Mindestabmessungen eines Rollstuhls von 0.70 m x 1.30 m (B x L), welche bei der Wahl eines Aufzuges nicht unterschritten werden sollten.
  • Bei Aufzug mit übereck angeordneten Türen: min. 1.40 x 1.40 m (B x L), aufgrund der Richtungsänderung von > 45° (Auslegung zur SIA, 2018, A21). Distanz der übereck angeordneten Türen möglichst gross wählen.
    Die Standardkabine mit Übereck-Zugängen misst nach ISO, EN 81-70 und Empfehlung Fachstelle min. 1.60 x 1.40 m (B x L).

Empfehlung
Die Fachstelle empfiehlt bei allen Neubauten, insbesondere auch in Wohnbauten, einen Aufzug mit einer Kabinengrösse von 1.10 x 2.10 m (B x L) als Standard zu wählen. Nutzerkomfort und -flexibilität des Gebäudes wird für Alle verbessert: z.B. für Eltern mit Kinderwagen, Personen mit Velo, ältere Besucher mit Rollator, Personen im Rollstuhl, die ein Zuggerät nutzen, für Materialtransport oder Umzügler.

Bewegungsflächen vor dem Aufzug

  • Die Bewegungsfläche vor dem Aufzug kann min. 1.20 x 1.40 m betragen, wenn die Treppenanlage nicht vis-à-vis der Aufzugstüre platziert ist.
  • Abstand zu gegenüberliegenden Treppenabgängen: ≥ 1.40 m (Ziff. 9.5.1)

 

 

 

 

 

 

 

  • Abstand zwischen Schachttüren (Aussenkanten der Türleibung) und seitlich dazu angeordneten Treppen: ≥ 0.60 m (Ziff. 9.5.1)

 

 

 

 

 

 

 

Bedienelemente an der Haltestelle

Der Befehlsgeber darf nicht höher als max. 1.10 m über Boden angebracht werden (Ziff. 9.6.1 und Auslegung SIA 500, 2018, A22). Siehe Schnitt im Absatz «Bedienelemente in der Kabine».

Die freie Fläche vor dem Befehlsgeber muss wie folgt konzipiert werden (Ziff. 9.6.1 und Auslegung SIA 500, 2018, A22):

  • beidseitig min. 0.70 m breit,
  • bei Umbau bedingt zulässig nur auf einer Seite
  • Anordnung Befehlsgeber in Nischen nur zulässig, wenn max. 0.25 m von der Front zurückversetzt.

Aufzüge_Öff_Zugä_Bauten Dez.2016-3

 

 

 

 

 

 

 

Die Positionierung der Ruftaste seitlich in der Leibung behindert die Bedienung und erschwert die Auffindbarkeit. Die Zugänglichkeit des Aufzugs wird damit aus Sicht der Fachtelle nicht erfüllt.

Empfehlung
Höhe der Ruftaster 0.85 – 1.00 m über Boden; vertikal oder max. 30° Neigung zur Vertikalen

Bedienelemente in der Kabine

Für Bedienelemente in der Kabine gelten die Bestimmungen der Norm SN EN 81-70  (Ziff. 9.6.2), daraus ergeben sich folgende Anforderungen:

  • Höhe der obersten Etagentaste: max. 1.20 m über Boden
  • Höhe der Notruf- und Klingeltaster: max. 1.40 m über Boden
  • Wird ein horizontales Tableau angebracht, befindet sich dieses auf einer Höhe zwischen 0.80 m und 1.00 m. Zusätzliche vertikale Tableaus dürfen die Höhe von 1.20 m überschreiten (Ziff. 3.7.6).
  • Seitlicher Abstand des Tableaus (Mittelachse) zur Kabinenwand: min. 0.40 m

Höhe der Bedienelementen an der Haltestelle und in der Kabine

 

 

 

 

 

 

 

  • Taktil erfassbare Tasten mit fühlbarer Bewegung oder Druckpunkt
  • Tastaturen und Beschriftung in kontrastreicher Gestaltung
  • Bezeichnungen in visuell kontrastierenden Reliefzeichen, vorzugsweise auf dem aktiven Teil der Taste
    (nach EN 81-70 auch links davon zulässig)
      

Empfehlung

  • Seitlicher Abstand des Tableaus (Mittelachse) zur Kabinenwand: min. 0.70
  • Zielwahlsteuerungen insbesondere in Kombination mit Touchscreen sind für den anpassbaren Wohnungsbau ungeeignet.

Für visuell kontrastierende Reliefzeichen gelten nach Norm SIA 500 gemäss Ziff. 3.7.7 und 4.3.1 folgende Anforderungen an visuelle Kontraste unter Blickwinkel von 45° (Ziff. 3.7.7 und 4.3.1):

  • Michelson-Kontrast der Schriftzeichen auf der Taste KM ≥ 0.6
  • Michelson-Kontrast der Tasten gegenüber der Grundplatte KM ≥ 0.3

Weiterführende Informationen finden Sie in den Richtlinien zur Planung und Bestimmung visueller Kontraste und im Beitrag «Visueller Kontrast».

Empfehlung
Damit sich Personen mit Sehbehinderung und ältere Menschen im Gebäude zurechtfinden bzw. orientieren können, empfiehlt die Fachstelle die Verwendung von entweder Reliefbezeichnungen in der Türleibung (1.40 m – 1.60 m über Boden) oder einer akustischen Stockwerkansage.

Weitere Angaben zu Aufzügen, Liftschächten und Bedienelementen sind dem Merkblatt 020 «Aufzugsanlagen» der Schweizerischen Fachstelle entnehmbar. Technische Anforderungen zu Aufzügen sind in der Europäischen Aufzugsnorm EN 81-70 «Zugänglichkeit von Aufzügen für Personen einschließlich Personen mit Behinderungen» geregelt.

 

Stand 26.07.2019

 

Auslegungen zur Norm SIA 500 aus dem Jahr 2018

Zu diversen Themen sind in den Auslegungen zur Norm SIA 500:2009 aus dem Jahr 2018 Anmerkungen, Erläuterungen und Interpretationen zu finden, die die Anforderungen präzisieren.
– Auslegung A21: Übereckanordnung von Aufzugtüren
– Auslegung A22: Anordnung von Klingeln und Briefkästen in Wohnbauten

Bauten mit Wohnungen: Anpassbare Wohnungen. Vertikale Erschliessung: Aufzüge. Verhältnismässigkeit: Anlagekosten und Verhältnismässigkeit bei Neubauten. Planungsvorgaben: Vorgaben / Standards.