Eine Wohnung bedarf der Einhaltung drei simpler Grundregeln, um als anpassbar zu gelten. Diese zielen darauf, alle absolut unüberwindbaren Barrieren im Planungsprozess auszuschliessen und Wohnraum für die breite Bevölkerung zu erstellen.

Die SIA Norm 500 «Hindernisfreie Bauten» gibt unter Ziffer 1.3.3.1 eine «Anpassbarkeit des Wohnungsinneren» für Bauten mit Wohnungen vor. Eine «anpassbare Wohnung» muss nicht von vornherein behindertengerecht erstellt werden. «Anpassbar» bedeutet, dass bestimmte Elemente der Wohnung nachträglich an individuelle Bedürfnisse angepasst werden können. Dies muss mit geringem Bau- und Kostenaufwand geschehen (Begriffsklärung «Anpassbar, Anpassbarkeit» der SIA 500, Ziffer 1.2).

Werden bei der Planung des Wohnungsinneren folgende drei Grundregeln beachtet, ist eine interne Erschließung der Wohnung im Rollstuhl bereits möglich, bevor sie speziell behindertengerecht ausgebaut wurde.

1.Keine Stufen
2.Ausreichende Durchgangsbreiten
3.Ausreichende Bewegungsflächen

 

Im Bedarfsfall kann eine solche Wohnung nachträglich durch einfache bauliche Massnahmen an individuelle Bedürfnisse angepasst werden.

Unter der Voraussetzung, dass eine Wohnung hindernisfrei zu erreichen ist (siehe Beitrag «Erreichbarkeit der Wohnungen»), muss sie, um auch als anpassbar zu gelten, die folgenden Mindestanforderungen gemäss SIA Norm 500 einhalten.

Bewegungsflächen im Wohnungsinneren

  • Alle Nutzflächen innerhalb der Wohnung eben (horizontal), absatz- und stufenlos ausführen (Ziff. 10.1.1 und 9.2.2)
  • Rampen im Wohnungsinneren nicht zulässig (Ziff. 10.1.1).
  • Nutzbare Türbreite mindestens 0.80 m (Ziff. 10.1.1, 9.2.1 und 9.2.2)
  • Möglichst absatzlose Türen, Fenstertüren und Durchgänge (Ziff. 10.1.1, 9.2.1 und 9.2.2); flachgewölbte Deckschiene oder einseitiger Absatz von ≤ 25 mm zulässig
  • Auf ausreichend Bewegungs-/ Rangierfläche bei Durchgängen und neben dem Türgriff (Breite: vorzugsweise 0.60 m) achten (Ziff. 10.1.1, 9.2.3 und 9.2.4)
  • KorridorbreiteKorridore in ihrer nutzbaren Breite min. 1.20 m (Ziff. 10.1.1 und 9.3.1);
    – Richtwert: Nutzbare Tür- / Durchgangsbreite x + Korridorbreite y ≥ 2.00 m;
    – 
    geringere Breiten zwischen 1.00 m und 1.20 m bei geradläufigen Durchgängen ohne seitliche Abgänge zulässig;
    – geringere Breiten zwischen 1.00 m und 1.20 m bei Durchgängen mit seitlichen Abgängen nur bedingt zulässig, siehe Beitrag «
    Korridore, Flure und Wege»;
  • Wendefläche im Korridor: 1.40 x 1.70 m (Ziff. 10.1.1 und 9.3.3)
  • Vorzugsweise schwellenlose Ausgänge zu Balkonen, Terrassen und Aussensitzplätzen (Beispiele siehe Merkblatt 031 «Fenstertürschwellen»)
    – aus unausweichlichen konstruktiven Gründen Schwellenhöhe ≤ 25 mm zulässig; zweiseitig, d.h. über dem Innen- und Aussenboden (Ziff. 10.1.3 und Auslegung SIA 500, 2018, A24),
    – höherer Absatz nur im Aussenbereich (nie im Innenbereich) zulässig; Voraussetzungen: Boden im Aussenraum anpassbar (Ziel 0 – 25 mm) und erforderliche Geländerhöhe gemäss Norm SIA 358 «Geländer und Brüstungen» anpassbar (Ziff. 10.1.1 und 9.2.2, 10.1.3 und Auslegungen zur SIA, 2018, A03 und A24).
  • Freifläche von 1.40 x 1.40 m vor Waschmaschinen und Wäschetrocknern existent oder nachträglich erschaffbar (Ziff. 10.5.3).

Raumangebot

  • Mindestens ein Schlafzimmer oder Schlafbereich mit Minimalbreite von 3.00 m (Fertigmass) und minimaler Grundfläche von 14 m2 existent (Ziff. 10.4 und Auslegung SIA 500, 2018, A25 und A26)Minimale Schlafzimmer-Grundfläche muss Teil einer zusammenhängenden, viereckigen Fläche sein (Auslegungen zur SIA, 2018, A25). Eingeengte, korridorähnliche Bereiche und Nischen innerhalb des Zimmers fliessen in die Berechnung nicht ein.
  • In Küchen braucht es, je nach Form der Küche, minimale Bewegungs- und unterfahrbare Arbeitsflächen (Ziff. 10.3),
    – siehe Beitrag «Küchen im Wohnungsbau»
    – Bereich zwischen Spüle und Kochherd muss als Arbeitsfläche ausgebildet sein, Breite 0.25 bis 0.90 m (Ziff. 10.3.2)
    – U.a. auch um Unfällen vorzubeugen, sollten sich Spüle und Kochherd in der selben Küchenzeile befinden.
  • Pro Gebäude muss mindestens eine ausserhalb der Wohnung bereit stehenden Waschküche auch im Rollstuhl erreichbar sein oder im Sinne der Anpassbarkeit zugänglich gemacht werden können (Ziff. 10.5.2). Eine dritte Möglichkeit besteht in der Integration der Geräte in der Wohnung.
    – Freifläche vor Waschmaschine und Wäschetrockner je 1.40 x 1.40 m, gemessen von Gerätemitte,
    – Freiflächen dürfen sich überlappen.
  • Ein Viertel aller ausserhalb der Wohnung zur Verfügung stehenden Abstellräume muss im Rollstuhl erreichbar sein (Ziff. 10.5.1).

Sanitärraum

  • Mindestens ein Bad- oder Duschraum mit Toilette muss eine minimale Nutzfläche von 3.80 m2 und bestimmte Ausführungen einhalten.
    Eine minimale Nutzfläche von 3.60 m2 ist für Kleinwohnungen mit Dusch-/WC-Raum als alleinigem Sanitärraum zulässig (Ziff. 10.2.1, Korrigenda C3, 10.2.5).
    – siehe Beitrag «Sanitärräume im Wohnungsbau».
  • Drehflügeltüren zu Sanitärräumen benötigen eine lichte Breite von min. 0.80 m und sollten vorzugsweise nach aussen öffnen (Ziff. 10.2.1 und 10.2.4).

Empfehlung
Zu kleine Sanitärräume können z.B. durch das Entfernen einer Wand nachträglich angepasst werden. Entfernbare Trennwände sollten weder technische Installationen enthalten noch mit tragender Funktion belegt sein.

Mehrgeschossige Wohnungen

  • Bei Wohnungen deren unterschiedliche Niveaus nicht bereits durch einen Aufzug verbunden sind, muss der nachträgliche Einbau von Hebebühne oder Treppenlift möglich sein (Ziff. 10.1.2 und 3.8).
  • Minimale Dimensionen der Aufzugsanlagen:
    – Hebebühne: Förderplattform 1.10 x 1.40 m (B x L)
    – Treppenlift: Förderplattform 0.80 x 1.25 m (B x L)
  • Anforderungen an Treppen für Montage eines Treppenlifts (Ziff. 10.1.2):
    – minimale lichte Durchgangshöhe über Treppe ≥ 2.10 m
    – minimale lichte Treppenbreite ≥ 1.00 m bei einläufigen geraden Treppen

Empfehlung
Platzbedarf für den nachträgliche Einbau dieser Aufzugsanlagen bereits bei der Planung vorsehen.

  • WC in Wohnungen / WC dans les logementsBei mehrgeschossigen Wohnungen müssen im Wohngeschoss ein Wohnraum, eine Küche und ein Toilettenraum mit einer minimalen Freifläche von 0.80 x 1.20 m vor dem Klosettbecken vorhanden sein (Ziff. 9.1.4, Korrigenda C3 und 10.2.2).
    Dieser Raum ist vorzugsweise Teil einer der oben genannten Sanitärräume (Ziff. 10.2.2), ist aber auch als separater Toilettenraum ausführbar.

 

 

Kosten

Von Wohnbauten, die im Vorfeld bereits barrierefrei erstellt werden, profitieren alle. Sie sind generell attraktiv und multifunktional. Sie reduzieren die Unfallgefahr und damit einhergehende Pflegekosten und vermeiden nachträgliche Umbauten.

Die Realität zeigt, dass der minimal grössere Platzbedarf zu einem längerfristigeren Werterhalt der Immobilie, zu Komfortsteigerung, Sicherheit, Ertragssteigerung und zu volkswirtschaftlicher Entlastung führt und dabei bei rechtzeitiger, aufmerksamer Planung kaum finanziellem Mehraufwand bei Neubau verursacht. Bei Umbauten können die Mehraufwände höher liegen, hier gilt es die Verhältnismässigkeit zu berücksichtigen. Gemäss BehiG, Art.12 werden bauliche Anpassungen nur bis 5% des Gebäudeversicherungswertes oder 20% der Baukosten verlangt.

Das Merkblatt «Finanzierung individueller baulicher Anpassungen» gibt Auskünfte über die Ausgangslage und die Vorgehensweise bei einem Gesuch um Kostenübernahme, stellt einen Übersicht über die Leistungen der Invalidenversicherung (IV) dar und schlägt Hinweise auf die Situation bei der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) und andere Finanzierungsmöglichkeiten vor.

Empfehlung
Verzichten Sie in jeder Wohnung auf alle Hindernisse, deren Vermeidung nichts kostet. Dies wirkt kostenneutral und schafft gleichzeitig in möglichst vielen Wohnungen Erleichterungen für ältere, behinderte und ganz junge Menschen.

 

Weitere Informationen und Illustrationen zur Anpassbarkeit des Wohnungsinneren finden Sie in in unserer Richtlinie «Wohnungsbau hindernisfrei – anpassbar».

 

Stand 05.03.2021

 

Auslegungen zur Norm SIA 500 aus dem Jahr 2018

Zu diversen Themen sind in den Auslegungen zur Norm SIA 500:2009 aus dem Jahr 2018 Anmerkungen, Erläuterungen und Interpretationen zu finden, die die Anforderungen präzisieren.
– Auslegung A03: Fragen zu Schwellen
– Auslegung A24: Ausgänge auf Terrassen, Balkone Sitzplätze
– Auslegung A25: Zimmer
– Auslegung A26

Bad, Bäder, Dusche, Duschen, Badezimmer, Nasszelle, Baderaum, Baderäume, Duschräume, Duschraum